)
auch Wächtersbach als Filial. Am 28. April 1433 gestattete der
Generalvikar des Erzbischofs Conrad von Mainz, da der Ort
Wächtersbach mehr als eine Meile wegs seiner Matrix Ubenawe
entfernt und bei Überschwemmungen nicht ohne Gefahr zu erreichen
sei, daß in der Kapelle zu Wächtersbach die Taufe u. a. Sakramente
verwaltet werden durften, was der Pleban (Pfarrherr) zu Aufenau bis
dahin nicht zugegeben hatte. Im Januar 1435 trennte der Generalvikar
formal "die Gemeinde des Tales Wächtersbach von der
Pfarrkirche zu Ubenawe und bestimmte, daß dafür dem jeweiligen
Pfarrer zu Aufenau jährlich 5 Geldgulden Entschädigung von
Wächtersbach zu zahlen sei." 1497 erhielt die Kapelle
zu Wächtersbach für den Frühmesser "die Werewiese bei
Uffenaw u. die Pfohlwiese, an die Bracht stoßend, bei
Neudorf." Damit ist das hohe Alter der Pfarrei Aufenau und ihre
Unabhängigkeit von der Pfarrei Orb bewiesen.
Von der alten Basilica der
Mutterkirche Aufenau ist nichts erhalten. Auch die mittelalterliche
spätgotische Kirche, ein Bruchsteinbau, hatte ein flachgedecktes
Schiff ohne Strebepfeiler und einfache spitzbogige, profilierte
Fenster. Der etwas schmalere Chor war dagegen bis zum Umbau 1755 mit
zwei Strebepfeilern versehen. Auch seine Gewölbe fielen dem Umbau
zum Opfer. Der alte Turm mit quadratischem Umriß steigt ohne Gesims
vor der Westseite der Kirche auf; "die südliche Tür ist
spitzbogig, die nördliche noch rundbogig, mit feinen Rundstäbchen
geziert." (Bickell); "bei Restauration allerdings
spitzbogig freigelegt." Bickell meinte die Trauungstür an der
nördlichen Seite. Auch das Zwiebeldach mit seiner Hohen Laterne,
die ein gut geschmiedetes Kreuz schmückt stammt aus dem Urnbaujahr
1755.
Heute noch halten beide
christliche Konfessionen in dieser Pfarrkirche auf Grund eines
Vertrages aus dem Jahre 1683 ihre Gottesdienste ab. Der Seitenunbau
ist unterteilt in zwei Räume:- eine evangelische und eine
katholische Sakristei, mit eignen Zugängen von außen und nach der
Kirche. Das evangelische Pfarrhaus steht an der Nordseite, das
katholische an dem Ostrande des kleinen Kirchhofes. Diese
Simultankirche enthält jetzt auch wieder ein Triptychon. B. Stuhl
versuchte zu beweisen (Gelnh. Jahrb. 1958, 44), daß offenbar
Diether Forstmeister v. G., der Dekan des Stiftes St. Alban zu
Mainz, es vor seinem Tod 1497 gestiftet hat. Nach dem Umbau von 1762
kam an seine Stelle ein Barockaltar. Das Mittelstück hing bis 1889
im kath. Pfarrhaus; die zwei Seitentafeln waren im gleichen Hause
aufbewahrt. Der Landeskonservator hat den Altar angeblich aus
Kriegsgründen 1490 aus dem kath. Pfarrhaus mit Zustimmung der
bischöflichen Behörde von Fulda entfernen lassen. Restauriert
wurden die Teile des Altares im Auftrage des kath. Kirchenvorstandes
im Landesmuseum zu Darmstadt für etwa 6000DM.
Die neue Doppel-Kirche für die Filialgemeinde Neudorf wurde
notwendig, weil die Kirchengemeinden sich stark vergrößert hatten.
Noch im Jahre 1824
zählten Aufenau 125 Familien. mit 563 Katholische und
176 Evangelische
= 751 Einwohner
Neudorf 52 Familien
mit 107 Katholische und 152 Evangelische
= 259 Einwohner.
1949 hatten Aufenau
und Neudorf 1067 Katholische und 420 Evangelische, zusammen 1487
Einwohner.
Heute ist die Zahl der
Einwohner auf über 1500 gewachsen. Nach Angaben des evangelischen
Pfarrers Friedrich Malkemus zu Aufenau wurde der Gedanke an einen
eigenen Kirchbau in der Gemeinde Neudorf schon seit Jahrzehnten
erwogen. Im Frühjahr 1958 versuchten die drei benachbarten
Gemeinden Neudorf, Weilers und Hesseldorf, an der Straßenkreuzung,
genannt Kreuzweg, zwischen den Gemeinden gemeinsam einen Kirchbau zu
erstellen. Aus mancherlei Gründen zerschlug sich das Projekt,
besonders deshalb, weil Neudorf die alten Zusammenhänge mit der
Pfarrei Aufenau bzw. Wächtersbach nicht zerreißen und alte Rechte
nicht aufgeben wollte.

Da kamen am 7. März 1959
zwei Männer der evangel. Gemeinde in Neudorf, Bürgermeister Georg
Simon und Kirchenältester Otto Schröder zu ihrem Pfarrer Malkemus
und überbrachten den Vorschlag, aus den Erlösen eines großen
Holzverkaufes aus dem Gemeindewald (ein orkanartiger Sturm hatte am
1. August 1958 Hunderte von Bäumen entwurzelt) in Neudorf eine
Kirche zu bauen aus Dank dafür, daß die Gemeinde vor größerem
Unheil bewahrt geblieben sei. Die Kirche solle allen Gliedern der
Gemeinde dienen, katholischen wie evangelischen. Zunächst schätzte
man den benötigten Betrag auf 40.000,- DM. Nach Fühlungnahme mit
dem evangl. Landeskirchenamt in Kassel sowie dem kath. Geistlichen
Hauck und dem Kirchenvorstand von Aufenau wurde dem Vorschlag auf
einer öffentlichen Versammlung am 13. April 1959 zugestimmt. In der
Gemeindevertretersitzung am 15. Mai 1959 wurde folgender Beschluß
gefaßt:
Die Gemeinde Neudorf
beschließt den Bau einer Doppelkirche mit einem Turm und zwei
Kirchenräumen nach dem vorbildlichen Kirchenbau in Lettgenbrunn.
Die Gemeinde stellt für den Gesamtbau, berechnet für ein
Einwohnerverhältnis von 62 % Evangelischen und 38 % Katholiken,
50.000 DM und das notwendige Rundholz aus ihrem Wald. Die Gemeinde
erwartet, daß die ev. Landeskirchenverwaltung in Kassel und die
Diözesanverwaltung in Fulda anteilgemäß zum Kirchenbau
beisteuern. Die Gemeinde erwarb außerdem das ausgesuchte
Baugrundstück in Größe von 3200 qm am sog. Dreschplatz.
Schon am 20. November 1959 wurden in einer Besprechung, an der
Vertreter des Landeskirchenamtes zu Kassel und des Bisch.
Ordinariats zu Fulda teilnahmen, die von Herrn Kirchenbaurat Maurer
aus Kassel vorgelegten Baupläne genehmigt. Sie entsprachen sowohl
räumlich als auch hinsichtlich der Baugesinnung den Wünschen
beider Kirchengemeinden.
Auf dem erhöht liegenden
Kirchenplatz erstanden ein fünfeckiger Kirchenraum für die
evangelische und ein rechteckiger für die katholische Gemeinde,
beide Kirchenräume in einem stumpfen Winkel aneinandergesetzt. Der
davorliegende Vorhof ist über eine Freitreppe und durch den
Torbogen unter dem Campanileturm zu erreichen. lrn Blickpunkt liegen
nun beide Kirchenräume jenseits des großen Vorhofes. So wurde die
Absicht der Gemeinde, für beide Kirchengerneinden eine geschlossene
Kirchbauanlage zu schaffen, sinnvoll durchgeführt. Die den gesamten
Kirchbau umlaufende Gesimskante, ein Betonringanker, betont
symbolisch das Band, das die christlichen Gemeinden umschließt.
Ebenso soll die Reihung der Fenster diesem Gedanken dienen.

Die innen 7 m hohen
Kirchenräurne sind so aneinandergefügt, daß ihre Front mit den
beiden Hauptkirchentüren als einheitlich erscheint, sobald man
über die Freitreppe unter dem Glockenträger hin den Vorhof
erreicht, der durch eine Stützmauer eingefaßt ist. Auf
Betonfundamenten wurden die Außenmauern der Kirchenräume aus
Ziegelstein errichtet, die außen sichtbar gefugt und innen hell
verputzt sind. Die Dachkonstruktionen bestehen aus Holz und sind
innen mit französischer Kiefer verkleidet. Eingedeckt wurde das
Dach mit Kupferfolie. In den Gängen der Kirchenräume liegen
Spaltklinkerböden; die Eingangstüren sind mit Waschbeton umrahmt.
Für die Innenausstattung der Kirchenräume verblieb der
freiwilligen Mitwirkung beider Kirchengemeinden großer Spielraum.
Auch das Vierergeläut wurde in Auftrag gegeben, so daß es zur
Einweihung fertig war. Zu den Kosten der 4 Glocken und der
elektrischen Läutanlage hat die politische Gemeinde die Hälfte der
Kosten beigetragen. Für den evangelischen Kirchenraum ist eine
fünfregisterige Orgel bei der Orgelbauanstalt Bosch, Kassel, in
Auftrag gegeben und wird Ende des Jahres 1962 eingebaut werden
können. Zur Orgel haben 2.500.- DM die Gemeinden des Sprengels
Hanau und 8.000.- DM die Landeskirche beigetragen. So wird sie die
Gabe der brüderlichen Verbundenheit mit den übrigen Gemeinden
sein.
Es kann nicht genug lobenswert hervorgehoben werden, daß der
jahrhundertelange Besuch der Simultankirche Aufenau die Bewohner
Neudorfs innerlich dafür bereit machte, an den Bau einer Kirche
für ihr Dorf nur gemeinsam heranzugehen und ihm auch äußerlich
die gemeinsamen Symbole christlichen Denkens und Tuns aufzuprägen.
In einer Zeit, in der man sich staatlicher- und kirchlicherseits zu
einer Förderung einer "Woche der Brüderlichkeit"
veranlaßt sieht, ist es gewiß angebracht, solche Vorbilder aus der
Vergangenheit unserer Heimat besonders zu betrachten und lobend
hervorzuheben.