Wer viel durch die Lande geht, bekommt
oft Ärger ...........
"Hawwe Sie vielleicht in ebbes
gedabbt?" herrschte mich einmal im schönen alten Büdingen ein
bejahrter Gasthalter nahe am Jerusalemer Tor an, der dort neben
seinem großartigen Apfelwein erstklassigen Schinken und noch
delikatere Zervelatwurst feilhielt, und der daher auf das Zeug, nach
dem es in seinem Gastzimmer so penetrant roch, als ich drin war,
aber auch nicht den allergeringsten Wert legte.
Der von ihm gerügte Geruch, der aber auch eine Qual war, kam aus
meiner Ecke.
Ein Mann machte eben den erbosten Gasthalter auf die schöne Musik
der Feuerwehrkapelle draußen aufmerksam. "Hör nor emol,
Alwert, wie die den Jäger-Marsch' hiehlege, es Herz duht richtig
ahm druttele!" Er meinte es gut und wollte den Herrn Gastwirt
ablenken.
"Gott, was nutzt mich dess Gebloos, wann's hier riecht, wie bei
de vegiftete Affe?" rief der Haushalter wieder. Er rückte mir,
der ich mich in seinem Lokal, das mir der Bürgermeister P. von
Meerholz so herz- haft empfohlen hatte, stärken wollte, weiß Gott
auf den Pelz! Der Mann meinte mich!! Er kam dem Tisch bedrohlich
näher. Ich hatte einen roten Kopf wie ein Prüfling, dabei wollte
ich in den nächsten 10 Minuten zu einer Veranstaltung. Aber ich,
der jüngste Fremde in dem Lokal, hatte beileibe keine Schuld an dem
in kleinen Wolken aufsteigenden Geruch: Vielmehr hatte ein Reisender
aus der Wetzlarer Gegend vor ungefähr einer Viertelstunde ein Paket
Qualitätskäse unter den Tisch gestellt und war zu einem kurzen
Gang in die nächste Gasse gestartet.
"Ich frage Sie wahrhaftig noch emol", sagte der Wirt,
"hawwe Sie in ebbes gedabbt oder iss Ihne en verreckte Spatz
ins Hosebah gekroche? Wann Sie mit ihrm haarsträubende Burras nett
mache, daß Sie hunnertprozentig enauskomme, verklag ich lhne wege
Geschäftsschädigungl"
Da kam mein Retter, der Eigentümer des
Pakets. Er sagte gleich: "Da misse Se eawwr mich verklage und
nett den Herr! Der hat nur emol uff mein Schdinkudarus uffgebaßt,
solang ich ins Schloß gelaafe wohr!"' Mir war der Hals bis
obenhin zu, ich machte, daß ich fortkam, denn mit echtem "Hüttenberger"
kann ja doch keiner um die Wette stinken! Daß der Mann aber von
dieser Edelware verkaufte und dazu noch diesem Gastwirt, das brachte
mir bald das Gemüt ins Wanken.
Als sich dieses abgespielt hatte, zeigte der Kalender den
Frühsommer 1925 und der Käse lag mir längst, längst aus einem
ganz anderen Grunde im Magen. Keinen Käse mehr zu essen, hatte ich
mir schon vorgenommen, als ich, vor jetzt 50 Jahren, mit der bunten
Gelnhäuser Schulmütze angetan, zur Schule ging. Da hatte sich an
einem schönen Morgen, als es dem Frühling zuging, die folgende
schreckliche Geschichte ereignet.
Die Schar der von auswärts kommenden
Schüler schob sich, von der Bahn kommend, wie allmorgendlich durch
das "Ziegeltor". Da begab sich ein ambulanter
Käsehändler mit seiner handlichen, aber wohlgefüllten Kiste
und seinem derben Knotenstock auf den Handel. Diesen Mann, der kein
Adonis war und zu Hause bescheiden mit seiner Mutter lebte, ließen
die Buben öfters nicht in Ruhe.
"Mutter, es liegt eene Jatz im Bettel' schrien die Schüler,
sobald sie des Mannes in seiner dunklen Joppe ansichtig wurden. Die
Jungen, einerlei aus welchen Orten des weiten Kreises sie kamen und
ob ihre Schulkenntnisse auf starken oder schwachen Füßen standen -
mancher hatte schon seine Last mit den höheren Wissenschaften! -
hier führten sie der Allgemeinheit eine heroische Chorleistung vor.
Weithin hallte es: "Mutttööörr! Es liegt..." Was noch
weiter folgte an Worten, ist bekannt, was aber an Geschehnissen
folgte, war verhängnisvoll, denn gleich darauf gab es einen
Schreckensschrei.
Der erboste Händler, Mittelpunkt eines
Geschehens, an dem Hunderte teilnahmen, hatte sich am Ziegelturm mit
seinem handfesten Knüppel auf den ersten ihm erreichbaren Schüler
gestürzt und erwischte ausgerechnet denjenigen von ihnen, der sich
am allerwenigsten an dem läuten Chorgesang von der
"Mutter" und der "Jatz im Bette!" beteiligt
hatte. Es war mein Freund gewesen, mein guter Freund aus der
"Residenz" Meerholz. Hageldicht prasselten die Hiebe des
rasenden Mannes auf das wirklich unschuldige Haupt des Buben, Die
Schülermütze flog unter den Schlägen vom Kopf des Jungen, Blut
quoll auf, Schreie ertönten, aber der erboste Käsehändler
beendete nicht sein Schreckenswerk. Der Bub flüchtete - der andere
hinterher. Als Retter erwies sich ein biederer Gelnhäuser
Handwerksmeister, der an dem damals gerade entstehenden "Cafe‘
Storck" arbeitete. Seinem mutigen Eingreifen war es zu
verdanken, daß der schwerblutende Meerholzer Schüler sich in
Sicherheit bringen konnte. Dieser Handwerker, dessen Name mancher
Gelnhäuser Leser schnell errät, warf sich beherzt dem Rohling
entgegen und hinderte ihn an weiteren Gewalthandlungen. Er sorgte
aber auch nicht zuletzt dafür, daß ich einen blanken Abscheu
vor Käsehandel und Käse bekam. Jahre hindurch wollte das Zeug
nicht mehr an mich. Erwähnen muß ich aber noch, daß der
Heißsporn von Knüppelträger vom Gelnhäuser Amtsgericht damals
eine ganz saftige Quittung bekam und daß seine etwas törichte
Einwendung: "Allerdings, - die Jungens haben mir auch
gescholten!" ihm recht wenig geholfen hat. Für mich war damals
der Käse abgemeldet.
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