"Das Geschäft gedieh", sagt
die Pfarrchronik wörtlich, "der gute Wiesengrund gab Futter
für einen reichen Viehbestand. Aufenau und Neudorf, früher arme
Dörfer, werden jetzt von meistenteils wohlstehenden Bürgern
bewohnt."
Die Villa Blumenau wurde Mittelpunkt Aufenaus, und aus dem
Kirchberg, auf dem die Käserei stand, wurde in der Sprache des
Dorfes der "Käsberg", der in wirtschaftlicher Hinsicht
ein beachtlicher Faktor Aufenaus geworden war.
"Deutscher Weichkäse" war die Grundlage der Produktion.
Darüber hinaus hatte "Adnots Fromage de Brie" guten
Klang, jener Käse, dessen Urheimat die französische Landschaft
gleichen Namens zwischen Seine und der unteren Marne ist. Als
besondere Spezialitäten der "Villa Blumenau" waren die
Frühstückskäse "Blauschimmel" und "Neuf Chartell"
sehr begehrt.
Nicolaus Adnot, geboren am 30.9.1798,
starb am 3.6.1869. Er fand in einem Familiengrab auf der höchsten
Stelle des alten Aufenauer Gottesackers seine letzte Ruhestätte.
Das Grabmal des Begründers der Villa Blumenau ist von der
Verwitterung nicht verschont geblieben. Trotzdem sind die
Anfangsworte eines Nachrufes noch lesbar:
"Warum lieben wir
das Leben und fürchten den Tod?
ist denn nicht der Tod ein Teil des Lebens?"
Neben ihm ruht seine Lebensgefährtin
Corolina Adnot, geb. Cloct, die ihren Ehemann um acht Jahre
überlebte und am 19. September 1877 verstarb. Die Eheleute hatten
eine Tochter Sabina.
Nachdem durch den Krieg 1866 Bad Orb an
Preußen gefallen war, findet man im Handelsregister des
Amtsgerichts Bad Orb auch Aufzeichnungen über Aufenau. Daraus geht
hervor, daß die Adnotsche Köserei am 21.6.1869 in den Besitz des
Kaufmanns Johann Gottfried Reinhardt, Adnots Schwiegersohn,
überging, der bereits ab 5.7.1867 Prokurist der Firma war. Sein
Vater, Nicolaus Darius Reinhardt (geb. 4.10. 1807; gest. 18.10.1868)
fand ebenfalls im Adnotschen Familiengrab in Aufenau seine letzte
Ruhestätte.
Ein Jahr nach dem Tode von Adnots Ehefrau verkaufte ihr
Schwiegersohn Reinhardt die Villa Blumenau mit dem Verfahren der
Herstellung von Brie-Käse am 11.12.1878 an den Wächtersbacher
Kaufmann Louis Prinz (geb. am 16.4.1835). Prinz, verheiratet mit
Katharine Louise Albertine, geb. Kolb, besaß das Haus gegenüber
dem Amtsgericht, das heute Rechtsanwalt Kribus bewohnt. Der Vater
von Louis Prinz, Bürger und Specereiwarenhändler, stammt aus
Altena in Westfalen, wo er am 1.12.1782 geboren wurde.
Louis Prinz, einer der sparsamsten, aber auch reichsten Leute der
Stadt Wächtersbach, zahlte, laut Pfarreichronik, allein für das
"Geheimnis der Käsefabrikation" 15000,-- Mark. Er hatte
bei der Übernahme der Käserei, die er unter dem Namen "Nic.
Adnot Nachfolger - Erste Deutsche Weichkäserei nach Französischer
Art" weiterführte, seinem Sohn Heinrich Prinz Prokura erteilt.
Die Prinz'sche Käserei in Aufenau erlebte um die Jahrhundertwende
ihre Hochkonjunktur. Zeitweise wurden im Betrieb 20 bis 30 Leute
beschäftigt. Die Erzeugnisse vom "Käsberg" wurden
mehrfach ausgezeichnet. Aufenau war mit Recht stolz darauf, daß die
auf der P a r i s e r W e l t a u s s t e l l u n g vor der
Jahrhundertwende ausgestellten Produkte mit Goldmedaillen
ausgezeichnet wurden. Unter den verblaßten Papieren der heutigen
Blumenau, die Louis Prinz vor der Jahrhundertwende zu ihrer jetzigen
Größe aufstockte, befindet sich folgendes Diplom:
Internationale
Ausstellung
für Kochkunst, Conditorei, Fleischerei, Bäckerei, Getränke,
Fachliteratur sowie zur Ernährung und Armeeverpflegung
1889 CÖLN 1889
Herrn Louis Prinz, Villa Blumenau, wurde die G o I d m e d a l l i e
verliehen.
Es liegt nahe, daß die französischen
Käsereien auf die deutsche Konkurrenz nicht immer gut zu sprechen
waren. So schlug nach der Jahrhundertwende der sogenannte "Gervais-Prozeß"
große Wellen, in dem 27 deutsche Herstellerfirmen von Carles
Gervais, Paris, wegen der Gervais-Namensführung verklagt wurden.
Das Verfahren wurde bis an das Reichsgericht anhängig und zog sich
von 1905 bis 1918 hin. Nach dem verlorenen Krieg bestimmte der
Versailler Vertrag die Einstellung der Gervais-Fabrikation in
Deutschland. Danach stellte man in Deutschland und besonders auch in
Aufenau anstatt des "Gervais" einen ausgezeichneten
"Doppelrahmkäse" mit 60 % F.i.T. (Fett in Trockenmasse)
her.
Louis Prinz verstarb am 16.1.1904. Bei
seinem Tode soll er seinen Kindern je ein Bar-Vermögen von 85000.--
Gold-Mark hinterlassen haben. Der Betrieb ging in die Hände seines
Sohnes Carl Prinz (geb. 26.7.1877, gest. 13.5.1928) und seines
Schwiegersohnes Joh. Heinrich Kautz, ehedem Mundlkoch des Fürsten
zu Isenburg-Birstein, über.
Joh. Hch. Kautz (geb. 9.4.1852 in Birstein) verstarb am 31.1.1911 in
der Gelnhäuser Kreisbahn auf dem Weg von Birstein nach
Wächtersbach. Nachfolger wurde sein 2. Sohn Friedrich Kautz (geb.
5.8.1885, gest. 1.11.1950). Bis zur Verpachtung an die "Moha"
in Frankfurt/Main führte Günther Kautz (heute in Fa. Kraft G.m.b.H.
in Frankfurt/M.) die Geschäfte der Firma. 1955 wurde die Aufenauer
Produktion völlig eingestellt.
Vor dem ersten Weltkrieg hatte der
Betrieb eine tägliche Anlieferung von ca. 5000 Liter Milch, die
gemeinsam mit einem Nebenbetrieb in Bad Soden-Salmünster
verarbeitet wurden. Der Betrieb Bad Soden gehörte bis 1913 zur
Firma. Hergestellt wurden: Brie, Neuf-Charteller, Frühstückskäse
Caprera (Art Camembert mit Blauschimmel), Gervais und bis 1942
deutsche Molkereibutter. Der Warenabsatz erstreckte sich über
Deutschland hinaus nach Schweden und Italien.
Die Produkte waren auf allen deutschen und vielen internationalen
Ausstellungen seit 1879 vertreten. So auf den
Deutschland-Ausstellungen in Berlin, München, Magdeburg, Köln usw.
Die Aufenauer Erzeugnisse wurden mit zahlreichen "besten"
und "ersten" Qualifikationen und Goldmedaillen
ausgezeichnet.
Das Milch-Einzugsgebiet umfaßte rund 20 Ortschaften, die
größtenteils am südlichen Teil des Vogelsberges liegen. Die
Chronik der Aufenauer evangelischen Pfarrei von 1906 berichtet.
"Trat Hochwasser ein, so war Neudorf fast gänzlich von der
übrigen Welt abgeschnitten. Nur auf dem Bahndamm konnte man
trockenen Fußes nach einem anderen Orte gelangen. Zwar trugen die
Neudorfer Männer und Burschen selbst bei sehr hohem Wasserstand die
Milch nach der hiesigen Käsefabrik, indem sie mit hohen Stiefeln
oder auf Stelzen durch das Wasser gingen.
Nach Neueintellung des Einzugsgebietes
im Dritten Reich verblieben der Käserei nur noch 4 Ortschaften
(Aufenau, Neudorf, Weilers und Hesseldorf) mit einer
Gesamtanlieferung von 2000 liter täglich. Nach 1945 ging diese
Menge bis September 1949 durch Gründung von bäuerlichen
Milchabsatzgenossenschaften auf etwa die Hälfte zurück, so daß
nach Abzug der Frischmilchmenge nur etwa 600 Liter zur
Weichkäseherstellung verblieben.
Käse-Weibchen gingen vor )Jahren mit ihren Körben und
"Kiezen" in unseren. Orten von Haus zu Haus und boten
ihren "Käse aus Aufenau" an. Sie gehören ebenso der
Vergangenheit an, wie die "Geschirrwagen aus Schlierbach",
die einstrnals über die Lande fuhren, um Wächtersbacher Steingut
in den Dörfern zu verkaufen. Aus der Vorkriegszeit ist der älteren
Generation die "Gescherr-Marie" aus Hesseldorf, Frau Marie
Eckert, bestens bekannt. Sie fehlte auf keiner "Meerholzer
Kerb."
Das Auf und Nieder der letzten
Jahrzehnte hat der Villa Blumenau vieles von ihrem einstigen Glanz
genommen. Um den Käsberg wurde es still. Dadurch verloren auch
viele Einwohner ihre gut bezahlte Heimarbeit, denn zahlreiche
Familien in Aufenau stellten die Weidenkörbe für den Versand der
ca. 3 kg schweren Brietorten sowie die Strohmatten und -horden für
ihre Lagerung her.
In Gensungen bei Kassel lebt die Prinz's'che Tradition noch fort.
Dort besteht seit 1894 die Heinrich Prinz-K.G., Käserei und
Milchzuckerfabrik, deren Spitzenerzeugnis der "Prinz-Camembert
mit der Krone" ist.
Heinrich Prinz, der Sohn des Aufenauer Firmeninhabers, begründete
1894 das Werk, nachdem er sich zwei Jahre zuvor in Freiensteinau, wo
er den ersten Camembert nach französischer Art herstellte,
selbständig gemacht hatte. Die Familiengeschichte weiß zu
berichten, daß der Grund seines Ausscheidens aus der Aufenauer
Stammfirma in einer Ohrfeige zu suchen ist, die der damals
Vierundzwanzigjährige, Vater von 2 Kindern, vom Firmenchef Louis
Prinz bezog, weil er es gewagt hatte, ohne dessen Erlaubnis eine
Reinkultur von Camembertschimmel zu beziehen. Bislang besorgte der
wildwuchernde Milch- und Kellerschimmel die Reifung des Käses.
Hervorgegangen ist weiterhin aus dem Betrieb Aufenau die Firma Georg
Prinz, lllinois, USA, die sich später in Kurzel (Lothringen)
ansiedelte.
1959 bzw. 1964 wurde die Blumenau, die
für die deutsche Molkerei- und Käsewirtschaft von traditioneller
Bedeutung war, verkauft.
Aus dem historischen Gebäude ist ein zeitgemäßes Gästehaus
geworden. Das Anwesen, das 1716 seine jetzige Form erhielt, war
später der Sitz einer Zollstelle für die nahegelegene bayrische
Zollgrenze. Anfang des 19. Jahrhunderts fand das Haus als Bauernhof
Verwendung.
Die Stätte auf dem Kirchberg soll dereinst Sommerresidenz der
Herren von Forstmeister gewesen sein, deren Hauptsitz die W a s s e
r b u r g K i n z i g h a u s e n b e i N e u d o r f war. Oft vom
Hochwasser gefährdet, war Kinzighausen bis ins vorige Jahrhundert
mit Wall und Graben umgeben; der Volksmund wob um diesen
geheimnisvollen Herrensitz die bekannte Sage vom "Blauen
Wunder".
Auf dem Gartengelände der ehemaligen
Käserei, das 1959 von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde
Aufenau erworben wurde, entsteht gegenwärtig das Gemeindezentrum
des evgl. Kirchspiels Aufenau mit Kirche, Pfarrhaus und
Gemeinderäumen.
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