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Am
Dorfgemeinschaftshaus in Aufenau (Anm. Webmaster: heute, 2003
- Feuerwehr und Kindergarten)
dessen Giebel das Wappen der noch vor wenigen Jahren selbständigen
Gemeinde, die forstmeistersche Wolfsangel, ziert, biegt die Straße
nach Bad Orb ein. Dort, ein wenig den Berg hinauf, wo heute die
oberste Reihe Häuser steht, liegt, vor den Blicken der Vorübergehenden
durch eine Hainbuchenhecke verborgen, der jüdische Friedhof. Sein
zum Tal leicht geneigtes Gelände ist bergwärts von hohen Haselbüschen
begrenzt, die einen alten Hohlweg überwachsen - "In der Bäumcheshecke"
heißt die Flur. Der Blick geht von hier weit ins Tal der Kinzig und
der Bracht.
In kurzen Reihen mit unregelmäßigen Abständen stehen hier, die
Grabeinfassungen versunken oder von Gras überwuchert, aufrecht
Grabsteine, wie bei den aschkenasischen Juden Brauch, den Unbilden
der Witterung trotzend, aber auch dem Unverstand der Menschen, die
vor Jahrzehnten die Ruhe dieses Platzes störten.
Die meist sandsteinernen Stelen sind von Flechten und Moosen
bewachsen, die Inschriften teilweise verwittert und die eingemeißelten
Namen oft nur noch schwer zu entziffern. Wir lesen Sara Grünebaum,
geboren 22.4.1845 und gestorben 12.6.1914, nicht weit davon ihr Mann
Isaak Grünebaum, beide aus Wächtersbach. Bei Seligmann Seliger ist
nur Orb hinzugesetzt, auf einem anderen Stein noch Grünebaum
Hesseldorf kenntlich und auf wieder einem anderen Sonn Schlierbach.
Die ältesten Denkmale im hinteren Teil des Friedhofs stammen aus
den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, das jüngste Grab
dicht bei der Pforte, das von Kätchen Loebenberg, ist aus 1935.
So sehr lange scheint der Aufenauer Totenhof noch nicht zu bestehen.
Immerhin ist der erste Jude in Wächtersbach aber schon 1642
nachzuweisen, und sehr bald danach hören wir von jüdischen Händlern
in Spielberg, Wittgenborn, Aufenau, Wirtheim, Schlierbach und
Hesseldorf und auch in Orb. Wo sie ihre Toten hintrugen, ist heute
nicht mehr auszumachen; ob vielleicht zu dem sehr alten
Judenfriedhof auf dem Äscher in Gelnhausen oder zu dem im Erbes in
Birstein?
Für die neuere Zeit geben uns die "Judenschaftlichen
Stiftungsrechnungen" von Wächtersbach Auskunft, die im
Marburger Staatsarchiv bewahrt werden. Daraus wird deutlich, daß
sich die jüdische Gemeinde von Aufenau, zu der auch Wirtheim gehörte,
1804 mit der Synagogengemeinde Wächtersbach zusammentat - zu ihr
hielten sich auch Juden von Wittgenborn, Schlierbach und Hesseldorf
- und einen gemeinschaftlichen Friedhof in Aufenau anlegten. Jedes
Gemeindemitglied zahlte zu der Erhaltung der Anlage jährlich 12
Kreuzer, die in eine Stiftungskasse gingen.
Aufgabe der Stiftung war aber gleichzeitig auch, in einer Zeit, in
der es keine staatliche Kranken- und Altersfürsorge gab, in Not
geratenen Glaubensbrüdern zu helfen. Darum wurden zusätzlich
Almosengelder vereinnahmt. Die jährlichen Unterstützungen waren für
die nicht sehr große Zahl von Mitgliedern beachtlich: 1822 etwa für
Arzt- und Apothekerkosten 52 Gulden und für Arme 6 Gulden.
1841 trat die Synagogengemeinde Orb der Stiftung bei, benutzte
seitdem also auch den Aufenauer Friedhof.
Es ist interessant zu lesen, daß der Stiftungskassendeputierte von
Aufenau und der von Wächtersbach sich gewohnheitsgemäß am
Neumondstag des Monats Elul (etwa im September) trafen - die Juden
richten ihren Kalender nach den Mondphasen - und nach gemeinsamem
Synagogenbesuch die Rechnung ablegten. 1851 gibt nun der Wächtersbacher
Kassenverwalter Jonas Salomo Hohenthal an, er sei deshalb drei Jahre
in Verzug geraten, weil 1848 für ein Zusammentreffen zu unruhig
gewesen und in 1849 und 1850 der Anhörungstag auf die Viehmärkte
gefallen sei.
Die jüdische Gemeinde Aufenau löste sich wenige Jahre danach auf.
Träger des Friedhofs waren sodann die Synagogengemeinden Wächtersbach
und Orb, bis die Juden von Bad Orb in den 20er Jahren unseres
Jahrhunderts einen eigenen Friedhof in Bad Orb anlegten.
Der Judenfriedhof in Aufenau ist nicht groß, die zugehörenden
Judengemeinden waren nicht reich. Deshalb stand dort auch kein
Totenhaus, wie etwa in Altengronau, in dem der Leichnam auf einem
Steintisch gewaschen und für die Bestattung vorbereitet werden
konnte. Auch gab es in den Gemeinden Aufenau, Wächersbach und Orb
offenbar keine Beerdigungsvereine, wie etwa in Gelnhausen und
Birstein, die der Trauerfamilie in den Tagen und Wochen ihrer Not
beistanden.
So war es Aufgabe der Familienangehörigen und Nachbarn, mit dem
Sterbenden eine letzte Betstunde zu halten, wenn möglich als
Gemeinde, zu der nach jüdischem Gesetz mindestens zehn Männer gehören,
und das "Höre Gott! Gott, unser Herr, ist ein einiger,
einziger Gott!" zu sprechen.
War der Tod eingetreten, brachte der Synagogendiener das Totenbrett
aus dem Bethaus, um den Leichnam daraufzulegen und ihn tatsächlich
und rituell zu waschen. Anschließend hüllte man den Toten in die
einfachen, weißen, linnenen Kleider, einen Mann in seinen
Gebetsmantel, den ihm seine Braut genäht und bei der Hochzeit
gegeben hatte. Der Sarg war eine einfache Kiste aus ungehobeltem weißem
Holz. Tag und Nacht wachten nun Familienangehörige und Nachbarn
beim Toten, während auf dem Sarg eine Kerze brannte, die auch nach
der Beerdigung dreißig Tage lang und zum Jahrestag immer wieder
erneuert wurde und an den Verstorbenen erinnerte.
Am Tage der Beerdigung wurde der Sarg von Gemeindegliedern auf den
Schultern aus dem Totenhaus und an der Synagoge vorbei zum Friedhof
getragen. War der Tote ein Vorsteher oder Vorsänger gewesen, öffnete
man die Tür des Bethauses, damit die brennenden Kerzen
herausleuchteten. Daß der Sarg, begleitet von den Trauernden, über
ein Wasser getragen werden mußte - von Wächtersbach über die
Kinzig - war gelegentlicher Zufall, nicht Teil des Totenrituals.
Aufdem Friedhof, dem Haus der Ewigkeit, rissen die nächsten
Verwandten des Toten den Saum ihres Gewandes ein, zum Zeichen der
Trauer und der Vergänglichkeit alles Lebenden. Nun trugen möglichst
viele Hände die Bahre mit dem Sarg, um dem Toten eine letzte Ehre
zu erweisen, zu dem offenen, erst am gleichen Tag geschaufelten
Grab. Nach den Worten der Trauer und des Abschieds wurde der Sarg
hinabgesenkt und das Grab mit Erde gefüllt. Am Grabhügel sprach
der Sohn für den Vater/die Mutter das alte Kaddisch‑Gebet.
Beim Verlassen desFriedhofs rupften die Trauernden eine handvoll
Gras, zum Zeichen, daß das Leben weitergeht. In der Trauerwoche und
am Todestag des Vaters/der Mutter sprach der Sohn im Frühgottesdienst
in der Synagoge das Kaddisch, er leitete anstelle des Vorsängers
das Gebet, und die Gemeinde nahm an seiner Trauer teil.
Das Grab wurde mit einem Grabstein gekennzeichnet, dann aber nicht
mehr gepflegt, sondern wartet unberührt auf das "Ende der
Tage". Darum verbietet die jüdische Lehre auch die
Wiederbelegung einer Grabstelle, was auf christlichen Friedhöfen
die Regel ist.
Doch blieb die Ruhe des Totenhofes in Aufenau ungestört, blieben
die Gräber unberührt? - 1939 wurde die baufällige Friedhofsmauer
abgerissen und das Material zum Straßenbau verwandt - Grabmale
wurden umgestürzt, sie sollen auch zu Treppenstufen vor einigen Häusern
verwandt worden sein. Am 15. Juni 1940 erging die Aufforderung des
Regierungspräsidenten in Kassel, das Friedhofsgelände solle
"schleunigst der deutschen Wirtschaft wieder zugeführt",
es solle "arisiert" werden. Die Gemeinde Aufenau schloß
1941 den jüdischen Friedhof, doch sie zeigte wenig Interesse zum
Aufkauf des Landes, wozu die Reichsvereinigung der Juden in
Frankfurt auch keine Einwilligung gab.
So ist der Totenhof von Aufenau noch heute in jüdischer Hand. 1946
verfügte der Minister für Wiederaufbau und politische Befreiung in
Wiesbaden im Auftrag der Militärregierung, daß diejenigen, die an
der Zerstörung mitgewirkt hatten, die umgelegten Grabsteine wieder
aufrichten und eine lebende Hecke pflanzen mußten.
1955 suchte Flora Davidowsky, geborene Sonn, den Grabstein ihrer
1931 verstorbenen Mutter Mathilde. Der frühere Friedhofswärter
Johann Wild wußte noch um die Lage des Grabes, das die Jewish
Restitution Successor Organization aus Wiedergutmachungsmitteln
wieder instandsetzen ließ. Es dient den Eheleuten Davidowsky auch
zur Erinnerung an Mathildes Mann, Max Sonn, der im
Konzentrationslager umkam.
In jedem Jahr erhält die Stadt Wächtersbach vom Hessischen
Innenministerium einen Betrag zur Instandhaltung des jüdischen
Friedhofes in Aufenau. In den Richtlinien heißt es: "Nach
rituellen Vorschriften soll ein jüdischer Friedhof Sinnbild der
Vergänglichkeit alles Lebenden sein. Deshalb sind Einzelgräber
nicht zu pflegen, eingesunkene Grabhügel nicht wieder aufzurichten
oder gar einzuebnen und keine Blumen auf die Gräber zu
pflanzen."
Wenn gelegentlich noch ein Angehöriger aus den USA, Neuseeland,
Israel oder wohin es die deutschen Juden nach ihrer Emigration
verschlagen hat, das Haus der Ewigkeit in Aufenau besucht,
verrichtet er dort sein Gebet und legt, wie es jüdischer Brauch
ist, zur Erinnerung einen Stein auf das Grab des ihm lieben
Verstorbenen.
Jürgen
Ackermann
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