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Kirchberg wurde „Käsberg“
| Aufenauer Käse war über die
Landesgrenzen bei Genießern bekannt |
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Quelle: Gelnhäuser Tageblatt;
Donnerstag, 30.Juni 1983
Vor 120 Jahren begann in Aufenau ein
Wirtschaftszweig zu blühen, der leider schon wieder längst verdorrt
ist. Ein kleiner Gelehrter aus der französischen Schweiz. der seiner
Zeit an der Gießener Universität Vorlesungen gab, hatte eine Käserei
gegründet, die den Ruf Qualitätsmilch aus dem Kinzig- und Brachttal
weit in die Lande trug: Nicolaus Adnot. das “Käse-Professorchen“
von Aufenau.
Das die saftigen Wiesen des Kinzig- und Brachttales beste
Voraussetzungen für gute Milchprodukte seien,
hatte ihm sein großer Zeitgenosse, der bekannte Chemiker
Justus von Liebig (1803-1873), mit dem Adnot befreundet war. anläßlich
eines Besuches im Kinzigtal versichert.
Professor Adnot. der wie viele seiner Landsleute in Deutschland eine
neue Heimat gefunden hatte, erwarb im Jahre 1863 in Aufenau das auf
dem Berg gegenüber, der Simultankirche gelegene frühere Forsthaus.
Pfarrchronik als Quelle
Es ist bedauerlich, daß über
Adnot und seine Familie in den Kirchenbüchern beider Konfessionen in
Aufenau weder Daten noch sonstige Aufzeichnungen zu finden sind. Die
einzige authentische Quelle enthält die evangelische Pfarreichronik.
Sie berichtet aus dem Jahre 1867 daß “nach ähnlichen gescheiterten
Versuchen anderen Orten, ein Franzose Professor Nicolaus Adnot Adnot
eine Käsefabrik in dem Gebäude, in welchem sich früher das v.
Forstmeistersche Gericht befunden hat, begründete“.
Den richtigen Namen des Professors kannten die meisten Bewohner des
Dorfes kaum. Die Leute nannten ihn den “Käseproffessor“.
Professor Adnot richtete in dem Anwesen der ehemaligen Herren von
Forstmeister eine Weichkäserei modernster Art ein und gab dem
historischen Gebäude als “Villa Blumenau“ neuen Glanz.
“Das Geschäft gedieh“. sagt die Pfarrchronik wörtlich, “..der
gute Wiesengrund gab Futter für einen reichen Viehbestand. Aufenau
und Neudorf früher arme Dörfer, werden jetzt von meistenteils wohl
stehenden Bürgern bewohnt“
Kirchberg wurde Käsberg
Die Villa Blumenau wurde Mittelpunkt Aufenaus, und
aus dem Kirchberg, auf dem die Käserei stand, wurde in der Sprache
des Dorfes der “Käsberg“ der in wirtschaftlicher Hinsicht ein
beachtlicher Faktor Aufenaus geworden war. “Deutscher Weichkäse“
war die Grundlage der Produktion. Darüber hinaus hatte Adnots
“Fromage de Brie“ guten Klang, jener Käse, dessen Urheimat die
französische Landschaft gleichen Namens zwischen Seine und der
unteren Marne ist. AIs besondere Spezialitäten der “Villa
Blumenau“ waren die Frühstückskäse “Blauschimmel“ und “Neuf
Chartell“ sehr berühmt.
Nicolaus Adnot, geboren am 30.9.1798, starb am 3.6.1869. Er fand in
einem Familiengrab auf der höchsten Stelle des alten Aufenauer
Gottesackers seine letzte Ruhestätte.
Das GrabmaI des Begründers der Villa Blumenau ist von der
Verwitterung nicht verschont geblieben.
Nachdem durch den Krieg 1866 Bad Orb an Preußen gefallen war, findet
man im HandeIsregister des Amtsgerichts Bad Orb auch Aufzeichnungen über
Aufenau. Daraus geht hervor, dass die Adnotsche Käserei am 21.6.1869,
in Besitz des Kaufmanns Johann Gottfried Reinhardt, Adnots
Schwiegersohn überging, der bereits ab 5.7.1867 Prokurist der Firma
war. Sein Vater Nioolaus Darius Reinhardt (geb. 4.10.1807; gest.
18.10.1868) fand ebenfalls im Adnotschen Familiengrab in Aufenau seine
letzte Ruhe.
Ein Jahr nach dem Tode von Adnots Ehefrau verkaufte ihr Schwiegersohn
Reinhardt die Villa Blumenau mit dem Verfahren der Herstellung von
Brie-Käse am 11.12.1878 an den Wächtersbacher Kaufmann Louis Prinz (geb
am 16.1.1835). Prinz, verheiratet mit Katharine Louise Albertine, geb.
Kolb, besaß das Haus gegenüber dem Amtsgericht, das heute
Rechtsanwalt Kribus bewohnt. Der Vater von Louis Prinz, Bürger und
Specereiwarenhändler. stammt aus Altena in Westfalen, wo er am
1.12.1782 geboren wurde.
Louis Prinz, einer der sparsamsten, aber auch reichsten Leute der
Stadt Wächtersbach, zahlte, laut Pfarreichronik. allein für das
“Geheimnis der Käsefrabrikation“ 15000 Mark. Er hatte bei der Übernahme
der Käserei, die er unter dem Namen “Nic. Adnot Nachfolger - Erste
Deutsche Weichkäserei nach französischer Art“ weiterführte,
seinem Sohn Heinrich Prinz Prokura erteilt.
Um Jahrhundertwende
Hochkonjunktur
Die Prinz'sche Käserei in
Aufenau erlebte um die Jahrhundertwende ihre Hochkonjunktur. Zeitweise
wurden im Betrieb 20 bis 30 Leute beschäftigt. Die Erzeugnisse vom
“Käsberg“ wurden mehrfach ausgezeichnet. Aufenau war mit Recht
stolz darauf, dass die auf der Pariser Weltausstellung vor der
Jahrhundertwende ausgestellten Produkte mit Goldmedaillen
ausgezeichnet wurden.
Es liegt nahe, dass die französischen Käsereien auf die deutsche
Konkurrenz nicht immer gut zu sprechen waren. So schlug nach der
Jahrhundertwende der sogenannte “Gervais-Prozeß“ große Wellen,
in dem 27 deutsche Herstellerfirmen von Carles Gervais, Paris, wegen
der Gervais-Namensführung verklagt wurden. Das Verfahren wurde bis an
das Reichsgericht anhängig und zog sich von 1905 bis 1918 hin. Nach
dem verlorenen Krieg bestimmte der Versailler Vertrag die Einstellung
der Gervais-Fabrikation in Deutschland. Danach stellte man in
Deutschland und besonders auch in Aufenau anstatt des “Gervais“
einen ausgezeichneten “Doppelrahmkäse“ mit 60 Prozent F.i.T.
(Fett in Trockenmasse) her.
Louis 'Prinzverstarb am 16.1.1904. Bei seinem Tode soll er seinen
Kindern je ein Barvermögen von 85000
Gold-Mark hinterlassen haben. Der Betrieb ginq in die Hände seines
Sohnes Carl Prinz (geb. 26.7.1877, gest. 13.5.1928) und seines
Schwiegersohnes Johann Heinrich Kautz, ehedem Mundkoch des Fürsten zu
Isenburg-Birstein, über.
1953 wurde dieProduktion
eingestellt
Joh. Heinrich Kautz (geb.
9.4.1852) in Birstein) verstarb am 31.1.1911 in der Gelnhäuser
Kreisbahn auf dem Weg von Birstein nach Wächtersbach. Nachfolger
wurde sein 2. Sohn 'Friedrich Kautz (geb.5.8.1885, gest. 1.11.1950).
Bis zur Verpachtung an die “Moha“ in Frankfurt/Main führte Günther
Kautz (heute in Fa. Kraft GmbH in Frankfurt/Main) die Geschäfte der
Firma. 1955 wurde dieAufenauer Produktion völlig eingestellt.
Vor dem ersten Weltkrieg hatte der Betrieb eine tägliche Anlieferung
von etwa 5000 Liter Milch die gemeinsam mit einem Nebenbetrieb in Bad
Soden-Salmünster verarbeitet wurden. Der Betrieb Bad Soden gehörte
bis 1913 zur Firma. Hergestellt wurden “Brie,.Neuf-Charteller, Frühstückskäse,
Caprera (Art Camenbert mit Blauschimmel), Gervais und bis 1942
deutsche Molkereibutter. Der Warenabsatz erstreckte sich über
Deutschland hinaus nach Schweden und Italien.
Die Produkte waren auf allen deutschen und vielen internationalen
Ausstellungen seit 1879 vertreten. 'So auf den
Deutschland-Ausstellungen in Berlin, München. Magdeburg und Köln.
Die Aufenauer Erzeugnisse wurden mit zahlreichen “besten“ und
“ersten“ Qualifikationen und Goldmedaillen ausgezeichnet.
Das Milch-Einzugsgebiet umfaßte rund 20 Ortschaften, die größtenteils
am südlichen Teil des Vogelsberges liegen. Die Chronik der Aufenauer
evangelischen Pfarrei von 1906 berichtet: “Trat Hochwasser ein, so
war Neudorf fast gänzlich von der übrigen Welt abgeschnitten. Nur
auf dem Bahndamm konnte man trockenen Fußes nach einem anderen Orte
gelangen. Zwar trugen die Neudorfer Männer und Burschen selbst bei
sehr hohem Wasserstand die Milch nach der hiesigen Käsefabrik, indem
sie mit hohen Stiefeln oder auf Stelzen durch das Wasser gingen“.
Nach Neueinteilung des Einzugsgebietes im Dritten Reich verblieben der
Käserei nur noch 4 Ortschaften (Aufenau, Neudorf, Weilers und
Hesseldorf) mit einer Gesamtanlieferung von 2000 Liter täglich. Nach
1945 ging diese Menge bis September 1949 durch Gründung von bäuerlichen
Milchabsatzgenossenschaften auf etwa die Hälfte zurück, sodaß nach
Abzug der Frischmilchmenge nur etwa 600 Liter zur Weichkäseherstellung
verblieben.
Käse-Weibchen gingen vor Jahren mit ihren Körben und “Kiezen“ in
unseren Orten von Haus zu Haus und boten ihren “Käse aus Aufenau“
an. Sie gehören ebenso der Vergangenheit an, wie die “Geschirrwagen
aus Schlierbach“, die einstmals über die Lande fuhren, um Wächtersbacher
Steingut in den Dörfern zu verkaufen.
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