|
Quelle:
Gelnhäuser Neue Zeitung; Freitag, 6. August 2004
Die Gelnhäuserin Ilse Rathay feiert heute ihren 100. Geburtstag.
Ihr interessantes Leben bietet Stoff für ein Buch, in dem es an
dramatischen Schilderungen nicht fehlen würde. Einer der großen
Momente war, als sie wenige Tage vor dem Kriegsende entscheidenden
Anteil daran hatte, dass Aufenau nicht zerstört wurde.
Ilse Rathay ist eine Schlesierin. Gestern sagte sie,
dass es "Zufall" war, in Breslau geboren worden zu sein.
Eigentlich lebte die Familie eines Tischlermeisters in Wüstegiersdorf
im Landkreis Waldenburg. Der Ort zählte vor dem Krieg knapp 7000
Einwohner.
Im Jahre 1929 folgte Ilse Rathay ihrem Mann in die Vereinigten
Staaten. Zehn Jahre später aber siedelte die nun vierköpfige
Familie wieder nach Schlesien um. Ihre Heimat musste die Jubilarin
unfreiwillig und endgültig Anfang 1945 verlassen. Zwei Jahre, nach
dem ihr Mann in Folge eines Herzanfalls gestorben war. Mit ihrer
Schwester und den Kindern gelang es damals, Platz in einem
Lazarettzug zu bekommen. Der wurde umdirigiert, nachdem die
eigentliche Strecke bereits von den Russen unterbrochen war. Über
die Tschechei ausweichend kam der Zug schließlich in Bad Tölz an.
Während ihre Schwester nach Westfalen ging, fand Ilse Rathay Hilfe
bei ihrem Schwager, der in Aufenau eine Käserei betrieb.
Untergebracht wurden die Rathays in der Villa Pomona, dem heutigen
Frauenhaus.
Das war ein Glück für die Aufenauer.
Als wenige Tage vor dem Kriegsende die einrückenden US-Soldaten in
Aufenau wie vielerorts weiße Bettlaken an den Fenstern
registrierten, schien das Schlimmste überstanden. Dann aber musste
Aufenau den Atem anhalten.
Ilse Rathays Tochter erzählt: "Aus Richtung Schule wurde der
erste Wagen der Amerikaner beschossen." Nun war zu befürchten,
dass Aufenau zerstört wird.
Doch den zwei Pfarrern und dem Bürgermeister gelang es, die
US-Soldaten von diesem Vorhaben abzubringen –dank llse Rathay, die
mit ihrem Englisch die bedrohliche Situation entschärfte.
Die Vereinigten Staaten bestimmten weiter das Leben der Jubilarin,
die 1952 nach Geln hausen zog. Ihre Tochter heiratete einen
Amerikaner und kehrte zurück in die USA, dem Land ihrer Geburt. Und
Ilse Rathay wurde von der US-Armee beschäftigt. Zunachst als Sekretärin,
dann als Deutschlehrerin in Hanau- Wolfgang Und später in der
amerikanischen Schule in GeInhausen. Sie unterrichtete so gerne,
dass sie es noch lange tat, als das Pensionsalter bereits überschritten
war
Ilse Rathay ist weltoffen, Menschen aus aller Welt besuchten sie.
"Völkerverstandigung" ist für die Jubilarin ein Begriff,
den sie mit Leben erfüllte. Ilse Rathay war viel und lange
unterwegs, besuchte gerne ihre Tochter, die, des Berufs ihres Mannes
wegen, jahrelang im Mittleren Osten lebte. Libanon, Syrien oder der
Jemen sind Länder, die Ilse Rathay kennen lernen durfte. Zum
heutigen Ehrentag sind alle angereist. Die .kleine
"Schwester" beispielsweise, mit ihren 98 Jahren. Aus der
Dominikanischen Republik ist ein Enkel mit besonderer Überraschung
eingeflogen; Ilse Rathay darf heute erstmals ihr jüngstes
Urenkelchen bewundern. Camila ist vier Monate alt. Eine gute Stunde
wird Ilse Rathay, die sich im Kreisruheheim wohlfühlt, heute im
Kreis ihrer Familie in der "Quelle" feiern. So lange
reicht die Kraft mindestens; weiß ihre Tochter. Gestern bereits
gratulierte die Delegation der VdK-Ortsgruppe. Ilse Rathay freute
sich riesig über die Glückwünsche der Vorsitzenden Katharina Koch
und von Reiner Heyer.
|